Kerkerhaft, Folter, Exorzismus und Feuertod
 
– Chronologie der schrecklichen Ereignisse während des Gerresheimer Hexenprozesses 1737/1738 –
 
von Peter Stegt
 
Es ist nun 270 Jahre her, daß in der kleinen Stadt Gerresheim und in Düsseldorf ein Hexenprozeß gegen die jugendliche Helene Mechthild Curtens und die etwa 45-jährige Agnes Olmans stattgefunden hat. Wir wollen nun in dieser und den nächsten Ausgaben des ‚Quadenhof’ an dieses schreckliche Ereignis erinnern, indem wir den Verlauf des Prozesses in Daten und Geschehnissen sachlich und ohne Urteil nachzeichnen. Die Dauer der Untersuchungen und damit der Tortur der beiden Angeklagten kann der geneigte Leser auf diese Weise nachvollziehen, denn der Prozeß erstreckte sich von ersten Verdachtsmomenten im Winter 1736/1737 bis zur Vollstreckung des Todesurteils im August 1738 über etwa 20 Monate, in denen Helene Curtens und Agnes Olmans gequält, verachtet und verstoßen wurden.
 
 
Herbst 1736:                   Die 14-jährige Helene Mechthild Curtens begleitet ihre Eltern dreimal zu einer Wallfahrt nach Kevelaer. Nach jeder Reise zeigt sie Tücher herum, die sie unterwegs von einem ‚schwarzen Mann’ erhalten habe. In die Tücher seien Zeichen von Geistern eingebrannt gewesen. Den ‚schwarzen Mann’ sehe Helene immer wieder. Nachbarinnen der Familie Curtens vermuten den leibhaftigen Teufel hinter diesen Vorkommnissen.
 
Frühjahr 1737:                 Aufgrund von Erzählungen innerhalb der Gerresheimer Bevölkerung wird der Richter Johann Weyrich Sigismund Schwarz auf Helene und ihre Geschichte aufmerksam.
 
Anfang April 1737:          Helene M. Curtens wird wegen des Verdachts der Hexerei inhaftiert und verhört. Dem Protokoll zufolge gibt Helene zu, Hasen und Mäuse herbeizaubern zu können. Zudem könne sie sich unsichtbar machen, die Gestalt von Tieren annehmen und fliegen. Sie wird sogar durch ihren Vater belastet, der von seltsamen Vorkommnissen während der Wallfahrten nach Kevelaer berichtet. Weiterhin besagt Helene die 45-jährige Agnes Olmans aus ihrer Nachbarschaft. Diese könne zaubern und stehe mit dem Teufel im Bunde.
 
08. April 1737:                Richter Schwarz leitet gemäß der Kriminalgerichtsordnung von Jülich-Berg aus dem Jahre 1695 ein Ermittlungsverfahren ein. Er gibt in einem Brief an den Hofrat zu Düsseldorf an, „dahero auch kein weiteres Bedenken gemacht“ zu haben.
 
Ende April 1737:             Die Familie Olmans (Eheleute Heinrich und Agnes sowie die Töchter Sibylle und Marie Elisabeth) wird aufgrund der Besagung inhaftiert. Nach einem ersten Verhör werden Heinrich Olmans und die sechsjährige Marie Elisabeth wieder freigelassen. Agnes und die 16-jährige Sibylle bleiben in Haft, da weitere Zeugen deren Zauberkünste bestätigen. Agnes Olmans wird nun zum Zentrum der Untersuchungen.
 
25. April 1737:                Richter Schwarz lässt die Körper der beschuldigten Frauen auf das sogenannte Teufelsmal hin untersuchen. Man wird nur bei Helene fündig, doch das Fehlen eines Males bei Agnes Olmans wird später als Täuschungsversuch des Teufels gedeutet.
                                                    Im verlaufe der Untersuchung kommt das Gerücht auf, Agnes Olmans sei im Besitz einer magischen Salbe. Richter Schwarz durchsucht daraufhin in Anwesenheit der Inquisitin deren Haus und entdeckt tatsächlich eine Salbe, welche „auf ungewöhnligem orth unter einer Kiste und Breth“ versteckt war. Damit hatte der Richter ein wichtiges Beweisstück entdeckt.
 
8. Mai 1737:                   Richter Schwarz verfasst einen ersten ausführlichen Bericht über seine Ermittlungen und sendet diesen an den Hofrat zu Düsseldorf.
 
Mai/Juni 1737:                 In weiteren Verhören bestätigen die Stiefmutter Helenes und andere Zeugen die Aussagen des Mädchens. Weiterhin gibt das Mädchen an, etwa acht Tage vor ihrer Verhaftung ein Bündnis mit dem Teufel eingegangen zu sein. Im Kerker habe sie dreimal mit dem ‚schwarzen Mann’ Geschlechtsverkehr gehabt. Mehrmals ermahnen Richter und Geistliche das Mädchen, nur die Wahrheit zu sagen. Helene betont daraufhin jedes Mal die Richtigkeit ihrer Aussagen. Während der Haft leidet die Angeklagte immer wieder unter Anfällen, beginnt zu toben und zu schreien, beschimpft anwesende Amtspersonen, Wächter und Hebammen. Zudem erbricht Helene „ölige Fäden, lebendige Schnecken und eine Raupe mit zwei Schwänzen“. Diese Dinge werden als ‚Beweisstücke’ aufgehoben.
 
Juni 1737:                        Richter Schwarz ordnet eine Befragung Agnes Olmans´ unter Anwendung der Daumenschrauben an. Zuvor hatte man erfolglos nach einem Teufelsmal an ihrem Körper gesucht. Agnes bestreitet unter der Folter weiterhin alle ihr gemachten Vorwürfe.
 
Ende Juni 1737:               Richter Schwarz ordnet für Helene Curtens vier Tage Dunkelhaft und anschließend einen Exorzismus durch die Kapuziner an. Ihre Raserei während des Exorzismus´ ist für den Richter ein eindeutiges Zeichen für den Teufelspakt.
                                                    Etwa zu dieser Zeit verbrennt der Gerresheimer Pastor Otto Curtius die Tücher, welche Helene M. Curtens im Herbst 1736 von der Wallfahrt nach Kevelaer mitgebracht hatte, als Teufelswerk. Damit sind diese „Beweisstücke“ unwiederbringlich verloren. Der Düsseldorfer Gutachter wird diese Tat später verurteilen.
 
29. Juni 1737:                  Richter Schwarz schließt das Ermittlungsverfahren ab und sendet einen ausführlichen Bericht mit allen Verhörprotokollen und den Beweismitteln zum Appellationsgericht nach Düsseldorf. Auch die drei Frauen werden dorthin überführt. Hier prüft Richter Eckarth in den nächsten 13 Monaten alle Unterlagen eingehend und verhört die Angeklagten mehrmals. Helene wiederholt ihre bisherigen Aussagen vor dem Düsseldorfer Gericht und beschuldigt erneut Agnes Olmans. Helene wird nicht gefoltert.
 
Frühjahr 1738:                 Die Tobsuchtsanfälle der Helene Curtens nehmen zu und es wird erneut ein Exorzismus durchgeführt. Mehrere Selbstmordversuche Helenes misslingen und bestärken den Hexenverdacht.
                                                    Es kommt zu weiteren Verhören, in denen Helene angibt, daß der Teufel sie auch im Arrest in Düsseldorf besucht habe. Er sei am 3. und 4. Januar 1738 bei ihr gewesen. Sie habe hier Geschlechtsverkehr mit dem schwarzen Mann gehabt. Evtl. deuten diese Schilderungen auf Gewaltanwendungen und Vergewaltigungen während der Haft hin. Nach dieser Aussage wird Helene von vier Hebammen untersucht, die deren Jungfräulichkeit bestätigen.
                                                   Agnes Olmans beteuert beharrlich, keine Hexe zu sein und bietet sich freiwillig für die Wasserprobe an. Dieses Gottesurteil wird jedoch abgelehnt, da dies laut Gerichtsordnung im Herzogtum Berg nicht mehr statthaft ist. Nach zwei Stunden der Tortur mit den spanischen Stiefeln gesteht Agnes Olmans schließlich, seit Oktober 1736 eine Hexe und mit dem Teufel im Bunde zu sein. Sie sei diesen nach einem Streit mit ihrem Mann eingegangen.
 
24. Juli 1738:                   Richter Eckarth empfiehlt nach Abschluß der Untersuchungen, die 16-jährige Sibylle Olmans freizulassen, Agnes Olmans und Helene M. Curtens seien jedoch wegen eines Teufelsbundes auf dem Scheiterhaufen hinzurichten. Eine vorherige Erdrosselung lehnt das Gericht ab. Stattdessen soll die Verbrennung langsam geschehen, damit die Delinquentinnen noch Zeit für Gebete haben, um Frieden mit Gott zu schließen.
 
15.08.1738:                    Das Todesurteil wird durch den Landesherrn Pfalzgraf Karl Philipp von Neuburg bestätigt.
 
17.08.1738:                    An diesem Sonntag sind alle katholischen und evangelischen Pfarrer des Amtes Mettmann dazu angehalten, den Termin für die Verbrennung der beiden Frauen am darauf folgenden Dienstag bekannt zu machen. Sie sollten die Gläubigen ebenfalls dazu anhalten, diesem Schauspiel zur Abschreckung beizuwohnen.
 
19.08.1738:                    Helene Mechthild Curtens (16 Jahre) und Agnes Olmans (ca. 46 Jahre) werden auf einem Karren zur Hinrichtungsstätte bei Gerresheim gefahren. Dort werden sie vermutlich entgegen der gerichtlichen Empfehlung zunächst durch den Scharfrichter erdrosselt und dann auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die Hinrichtung geschah Richter Schwarz zufolge „Allen zur Warnung“.
 
25.11.1989:                    Ein Gedenkstein wird nach Initiative von Monika Bunte an der Ecke Dreherstraße/Schönaustraße eingeweiht. Die Inschrift hierauf lautet:
 
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Für Helene Mechthildis Curtens und Agnes Olmans
In Gerresheim verbrannt am 19. August 1738
Nach dem letzten Hexenprozess am Niederrhein
Und für alle Gequälten und Ausgestoßenen.“
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